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Den Erfolg von Shades of Grey verstehen und würdigen

Missverständnis Nummer 2: Der Erfolg von Shades of Grey liegt an bestimmten banalen, überzeichneten Attributen der Protagonisten
Wie Euch wohl aufgefallen ist, spreche ich hier auf einmal im Plural. Das liegt daran, dass man bestimmte Irrtümer alle mit derselben Antwort widerlegen kann.

So wird behauptet, bei Millionen Frauen träfe Shades of Grey den Nerv, weil sie nach folgendem Typ von Mann dürsten:
a) einem Arschloch (Kontroll-Freak, Sadist, Eiswand, was auch immer …)
b) einem sexuellen Superhengst in Menschengestalt, der einer Frau Multiorgasmen hoch X bescheren kann
c) der superreich ist.
d) der unglaublich attraktiv ist.
Oder was die Protagonistin Anastasia betrifft, weil sie so unbedarft und unschuldig ist (Jungfrau und charakterlich unverdorben).
Sie erkennen die Einzigartigkeit dieser Attribute, die noch bei keiner Figur in keiner anderen Geschichte, auch nicht in Kombination, bislang vorgekommen sind? Wie, etwa nicht? Ich auch nicht. Weil es das alles schon einmal gab. Viele Male. Und ich muss leider erneut dieselbe rhetorische Frage stellen: Warum hatten andere Autoren mit ähnlichen Figurentypen dann nicht denselben Erfolg? Der Erfolg muss also andere Ursachen haben.

Missverständnis Nummer 3: Der Erfolg von Shades of Grey liegt darin begründet, dass er das Interesse für BDSM weckt und ihn hoffähig macht.
Hier ist Sache ein wenig tricky. Denn das Interesse für BDSM weckt die Reihe allemal, wenn nicht sexuell, dann medial, einfach, weil es thematisiert wird. Aber dass Shades of Grey es geschafft hat, ist doch nicht das Erfolgsrezept, sondern wenn überhaupt etwas, dann das wie. Auch hier dieselbe Widerlegung: BDSM-Geschichten, ob in Büchern oder in Filmen, gab’s vorher ebenso schon. Und es hat nicht derartigen Erfolg verbucht. Das Thema alleine ist kein Erfolgsgarant. Zumindest keiner in dieser Höhe. Das war es vor Shades of Grey nicht und ist es auch danach nicht.

Missverständnis Nummer 4: Shades of Grey schlägt klare Dominanz und Unterwerfung als Beziehungsmodell vor, wovon sich Millionen Frauen angezogen fühlen.
Die sinngemäße Vertreterin dieser Aussage ist die Soziologin Eva Illouz. Ansonsten habe ich solche Meinung eher in Forenbeiträgen und Rezensionen vernommen. Und da auch nicht gerade zuhauf. Demnach seien die modernen Partnerschaften von Rollenunsicherheit geprägt. Doch vor allem Frauen sehnten sich nach Unterwerfung, die sie in jener Geschichte dargestellt bekommen, damit eine unkomplizierte Rollenordnung und letztlich Stabilität wiederhergestellt wird.

Aber wie auch schon andere geschrieben haben, wie in diesem Zeit-Artikel, spielt Anastasia die Rolle der Unterworfenen eben nicht. Und zwar zu keinem Zeitpunkt, möchte ich hinzufügen. Christian Grey  hat Anastasia nie der Freiheit beraubt, denn sie konnte zu jedem Zeitpunkt machen, was sie wollte und gehen, wann sie wollte. Nennen wir’s beim Namen: In dem einen Fall wäre es ansonsten nämlich Vergewaltigung gewesen, in dem anderen Fall Freiheitsberaubung, also Straftaten. Für eine wirklich unterworfene Frau gibt es keine Verweigerung, kein Safeword, keine Wahl. Mit der Figur der Anastasia hatte das also nichts zu tun. Und der Vertrag zwischen Anastasia und Christian kam ja nicht zustande. Deshalb trifft die oben genannte Behauptung zumindest nicht in Bezug auf Shades of Grey zu.
Es sei auch noch auf eine Stelle hingewiesen: »Außerhalb des Spielzimmers wünsche ich mir sehr wohl, dass du mir Paroli bietest.« (Christian zu Ana. Shades of Grey, Geheimes Verlangen, Deutsche Erstausgabe 2012, Seite 467) Hört sich das nach genereller Dominanz an?

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